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Gilgamesch - ist das nicht der Siegfried der alten Sumerer?
So denken viele Muggels. In Wirklichkeit ist Gilgamesch ein einzigartiges Fantasyspiel um geheimnisvolle Wesen, unentdeckte Länder, Recken, Magier, und wertvolle Artefakte. Aber selbst viele Jahre nach seiner Erfindung gibt es Gilgamesch weder im Play-/Appstore noch bei Amazon zu kaufen. Wie kommt man also an sowas?
Einfach über das Glück, in der Postspielszene (ja, richtig, damit ist noch die alte Sackpost gemeint, die Älteren werden sich noch an diese gelben Kästen in den Straßen erinnern) und in den richtigen Zines gelandet zu sein. Neben verschiedenen anderen Spielen wurden dort auch Varianten von Diplomacy angeboten, die komplexeste dort war natürlich Gilgamesch. Auch wenn mir damals nicht klar war, dass vieles in den Regeln auf einer Buchreihe über einen Typen beruht, der ein wertvolles Schmuckstück in einem Vulkan versenkt, während einige Statisten heroische und komplett irrelevante Schlachten schlagen, fand ich die Unzahl an exotischen Wesen und magischen Artefakten enorm faszinierend.
Die Einstiegshürden für das Spiel waren nicht gering: Zunächst galt es, das Spielmaterial zu basteln. Dazu mussten unzählige DIN-A-4-Farbkopien (je eine Farbe für die einzelnen Nationen und weiß für die NNW) mit jeweils Dutzenden kleiner Symbole, die die verschiedenen Einheiten, Figuren, Gebäude, Artefakte usw. abbildeten, erstanden werden. Die Blätter wurden dann auf ein Stück Pappkarton geklebt und die Pöppel einzeln ausgeschnitten. Der Spielplan aka Drakoon-Karte bestand ebenfalls aus zahlreichen kopierten Blättern, die mit Reißnägeln auf einer Styroporplatte oder einem dicken Karton befestigt wurden. Sodann wurde eine Stecknadel zuerst längs durch die gerade benötigten Pöppel und dann in das entsprechende Feld in der Karte gesteckt. Die gerade nicht benötigten Wesen wurden in gleicher Weise auf kleineren Styroporplatten und die ganze Karte oben auf dem Kleiderschrank gelagert.
Optisch war das Ganze sehr ansprechend und stimmungsvoll. Mit dem Fortschreiten einer Partie wurden die Felder auf der Karte nach und nach entsprechend der entdeckten Lanschaftsform ausgemalt, die Stecknadeln wurden versetzt und neue kamen hinzu.
Das Spannendste bei Gilgamesch ist natürlich das Mitfiebern, welche Überraschungen die in diesem Zug entdeckten Felder bereithalten mögen. Freund oder Feind? Brauchbare Artefakte oder ein Scr (FZ)? Man beginnt, mit den einzelnen Wesen mitzufiebern und sich in ihre Situation hineinzuversetzen. Haben sie lange gelitten, als sie im Mahlstrom ertranken? Wie fühlen sie sich, weit weg von zuhause, umgeben von Feinden, ohne Hoffnung auf Verstärkung oder Rückkehr in die Heimat? Tragen sie ihr Schicksal tapfer oder verfluchen sie den unfähigen Befehlshaber, der sie in ihre traurige Lage gebracht hat?
Aber ich schweife ab, sorry, der Gedanke daran hat mich emotional zu sehr mitgenommen.
Viele Partien habe ich selbst nicht gespielt, aber eine geleitet. Dazu hatte ich eine eigene Karte (Torus mit vier großen Kontinenten) erstellt, die einigermaßen ausgewogen und für acht Nationen gedacht war. Obwohl einer der beteiligten Spieler nach nur wenigen Zügen (die zudem noch ziemlich ineffizient waren) ausstieg, fand sich für diese Position ein Stand-By (danke, Pedl!), der trotz der ungünstigen Voraussetzungen noch gut aufholen konnte.
Ich hatte irgendwann nach dieser Partie sogar angefangen, ein Programm zu schreiben, das Züge einlesen und die Zauberphase durchführen konnte, das aus beruflichen Gründen, Rechner-/Systemwechsel (Atari->PC mit Windows 3.1) und Änderung der Zugsyntax in Gilgamesch dann aber aufgegeben.
Leider ist all das schon so lange her, so dass ich mich nicht mehr an die Einzelheiten erinnern kann und die Speichermedien, auf denen die damaligen Auswertungen und Pressebeiträge gespeichert wurden, nicht mehr lesbar oder Aufräumaktionen zum Opfer gefallen sind. Vielleicht fristen sie auch noch in einer unzugänglichen Ecke der Rumpelkammer ein verstecktes Dasein.
Trotzdem ist das Spiel so interessant, dass ich selbst nach sehr langer Pause irgendwann den ständigen Anwerbeversuchen von Lukas nachgegeben habe und wieder einen bescheidenen Einstieg wage. Mit dafür ausschlaggebend war vor allem der technische Fortschritt in Form der Karte im Internet und die Aussicht auf ein zukünftiges Auswertungsprogramm. Dank auf jeden Fall an Rolrol und Lukas für ihr Engagement, das auf eine florierende Zukunft von Gilgamesch hoffen läßt!